Preisverleihung am 24.9.2006
Ansprache von
Prof. Dr. Wolfgang Schneider

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Wolfgang Schneider

Künstler kommunizieren.
Über Kultur in der Kommune im Allgemeinen, über die „Gangart“ im Besonderen



Gangart geht zu Ende. Es war ein Weitergehen, ein Angehen, ein Zusammengehen. Zumindest war das so geplant. Es ging um etwas und dazu wurde ein Ortsteil unserer Gemeinde ausgesucht, der bis vor kurzem noch zu den eher weniger attraktiven Wohngegenden zählte. Das soll sich ja ändern und da wird sich etwas ändern müssen. Das Projekt „Soziale Stadt“ ist kommunalpolitisch auf den Weg gebracht – und auch hier geht es jetzt ums Weitergehen, Angehen, Zusammengehen.

Es hat sich aber schon etwas geändert. Gangart hat das kulturelle Profil Bischofsheims bereichert. Inmitten alter Architektur entstanden neue Werke – Kunstwerke:
· Künstler bemächtigten sich dem Altbewährtem, um diesem einen neuen Wert beizumessen.
· Künstler irritierten mit der Nutzung alter Bausubstanz, um aufmerksam zu machen und neue Sichtweisen zu ermöglichen.
· Künstler gestalteten Räume, um zum Ausdruck zu bringen, dass es an den Menschen liegt, was sie aus ihrem Leben, ihrer Umwelt, ihren Fähigkeiten machen.

Eine Fähigkeit des Menschen ist die Kommunikationsfähigkeit. Und Künstler wollen in erster Linie kommunizieren. In erster Linie mit und durch ihre Kunstwerke. Das gilt es aufzugreifen, im ganz normalen Leben.

„Gangart“ als Werkstatt
„Gangart“ geht zu Ende. Und es war wiederum eine Bereicherung für die Bürger, für die Kultur, für die Kultur der Bürger. Es war nicht irgend eine Ausstellung, die gezeigt wurde, es war eine Laboratorium, eine Teilhabe an einem Prozess, eine Werkstatt. Werkstatt klingt nach Arbeit. Und in der Tat ist es im Großen und Ganzen unbestreitbar, dass Künstler mit ihren Werken viel Arbeit haben. Weniger augenfällig ist, dass auch die Rezipienten mit der Kunst einige Arbeit leisten müssen. Die Auseinandersetzung mit Kunst bedeutet immer eine gewisse Anstrengung. Diese Anstrengung kann man mit Begriffen wie Aufmerksamkeit, Verständnis, Offenheit der Sinne, Sich-Zeit-Lassen usw. umschreiben. Die „Gangart“-Tage waren deshalb Arbeits-Tage.

Kunstproduktionen zeugen von Kunstfertigkeit, bedürfen aber der rezeptionsästhetischen Kommunikation. Das heißt auch, Erfahrungen sammeln. Es handelt sich dabei um Prozesse des Verstehens, die mit einer gewissen geistigen Arbeit verbunden sind. Verstehen heißt unter anderem: Unterscheidungen treffen, Strukturen erfassen, Formen und Inhalte zur Kenntnis nehmen. Das macht Arbeit. Zumal die Werkstatt-Macher uns das Machbare in der Kunst als Aufgabe stellen, nämlich den Diskurs auf die Herstellung zu fokussieren.

Die Spannung zwischen den Künsten gilt es zu reflektieren, die Überschneidungen ihrer Verfahrensweisen zu entdecken, die Intermedialität als Herausforderung des Beziehungsgefüges Gesamtkunstwerk wahrzunehmen. Kinder, Jugendliche und Erwachsene waren gefordert, aufgefordert, die „Gangart“ als Werkstatt zu nutzen, als Schule des Sehens, in der die Philosophie der Künste und die Kunst der Selbstverständigung erarbeitet werden. Denn wie formulierte es schon Karl Valentin lakonisch: „Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit.“

„Gangart“ geht zu Ende. Und es gilt Dank zu sagen, vor allem den Künstlern, die sich auf etwas eingelassen haben. Für ein bescheidenes Honorar, in einer zum Teil unwirklichen Gegend, auf ein Publikum, das nun gerade nicht zu den Kunstkennern zählen dürfte.

Bischofsheim ist nicht gerade Kultur-Metropole, hier gibt es keine künstlerische Tradition, hier gibt es nur ein eher populäres Kulturprogramm. Bildende Kunst findet ansonsten in den großen Städten statt – und erwiesenermaßen fast ausschließlich nur für ein gebildetes Bürgertum. „Gangart“ ist auch deshalb zu danken, weil es gelungen ist, Kunst vor Ort zu präsentieren, Kunst für viele zu ermöglichen, Kunst im Alltäglichen zu identifizieren. Insofern wird in Bischofsheim 25 Jahre nach dem Buch „Kultur für Alle“ des damaligen Frankfurter Kulturdezernenten Hilmar Hoffmann etwas umgesetzt, was im weitesten Sinne mit Kultureller Bildung und im engeren Sinne mit der Demokratisierung unserer Gesellschaft zu tun hat. Wenn es die „Gangart“ nicht gäbe, müsste man sie erfinden. Das heißt auch, die Bischofsheimer und ihre politisch Verantwortlichen müssen dieses Pflänzchen pflegen und dafür Sorge tragen, dass das Projekt fortgesetzt und erneuert werden kann.

Den Künstlern ist zu danken, all denen, die die Räumlichkeiten zur Verfügung gestellt, die Mittel und Möglichkeiten geschaffen haben, dem Runden Tisch Kultur, vor allem aber dem Team und insbesondere dem Inspirator und Kurator Hans Dieter Bechtel.

„Gangart“ mit Bezügen zu den Räumen
„Gangart“ geht zu Ende. Und es gilt Bilanz zu ziehen: Zwanzig Künstler an elf Orten. Hunderte Besucher – es hätten mehr sein können. Es gab Filme zu sehen, Videoinstallationen, Theater, Tanz, Musik, Malerei, Zeichnungen, Objekte, Alltagsgegenstände, 100 Maurerkellen, Petersilie und Schnittlauch in verschiedenen Sprachen. Viele unterschiedliche Künstler waren vertreten, viele Künste kamen zur Entfaltung. Interessante interdisziplinäre Bezüge wurden hergestellt. Am spannendsten waren die Bezüge zu den Räumen. Im Frisiersalon, in der Abbruchwohnung, in leerstehenden Klassenzimmern, in Trafostationen, im Lokschuppen, an einer Kantine, im Wohnblock. Das war die besondere Qualität der „Gangart“. Und dabei ging es nicht nur um die Architektur. Es hatte auch immer etwas zu tun mit denen, die dort leben. Wer offenen Auges durch diese Gegend geht, wird nicht nur mit den Bauten konfrontiert, sondern auch mit den Menschen. Und die kommen vor. Auch in dem einen oder anderen Kunstwerk.

Aber wie will man das alles miteinander vergleichen oder gar bewerten? Erstmals gibt es bei „Gangart“ einen Preis und da macht es Sinn, sich über Kriterien zu verständigen. Alle waren dazu aufgerufen, die Bürger als Betrachter und eine Jury aus drei Kunst- und Kulturwissenschaftlern. Um es gleich vorweg zu sagen: Wir alle sind zu einem Ergebnis gekommen – so unterschiedlich sich die Entscheidungen begründet und getroffen wurden.

Deshalb will ich auch gar nicht den Versuch unternehmen, eine allgemeingültige Kunstkritik zu entwerfen. Zumal Subjektivität eine durchaus akzeptable Kategorie zu sein scheint. Natürlich gibt es so etwas wie künstlerische Qualität, natürlich gibt es so etwas wie handwerkliche Professionalität, natürlich gibt es so etwa wie Innovation und Originalität. Da gilt es, eine Richtschnur anzulegen. Aber mit welchem Schwerpunkt? Für mich persönlich war ausschlaggebend, was die Künstler aus ihrem Besuch in Bischofsheim gemacht haben. Haben sie sich eingelassen? Haben sie sich inspirieren lassen? Haben sie etwas daraus gemacht, was sie vorgefunden haben? Andererseits bin ich ein Verfechter von Kunstfreiheit, die auch dahingehend definiert werden kann, dass ein Kunstwerk nicht irgend einem Zweck dienen sollte. Kunst ist ein ästhetisches Produkt. Das aber durchaus eine gesellschaftliche Dimension haben darf. Sie sehen selbst, der Bewertung von Kunstwerken ist nur dialektisch beizukommen. So haben es auch Jury und Besucher gehandhabt.

Ein Preis der „Gangart“ für die Kunst
Ausdrücklich zu würdigen wäre deshalb das kommunikative Projekt für zehn- bis zwölfjährige Mädchen von Barbara Beisinghoff in Zusammenarbeit mit Volker Schütz. Denn wo sollen die zukünftigen Kulturverständigen herkommen, wenn ästhetische Erziehung nicht zum Bestandteil unseres Lebenscurriculums gehört. Herauszuhaben wäre auch Carolyn Krügers Videoinstallation im Trafohaus am Lokschuppen. Die Sprengung der Frankfurter Bahnzentrale als Projektion auf ein nächstes Abbruchprojekt. Fällt uns in unserer Welt denn nichts anderes mehr ein als die Verwertbarkeit derselben? Und wenn es so etwas wie eine lobende Erwähnung bei dieser Preisverleihung gäbe – vielleicht kannst du, lieber Hans Dieter, dies noch nachträglich möglich machen – wenn ich also so etwas wie eine lobende Erwähnung vergeben dürfte, würde ich diese an Peter Schulz verleihen. Peter Schulz ist hier im Hause mit einer Installation und einer Performance zu erleben, war mit performativen Aktivitäten mobil im Quartier und hat hier nebenan im Wohnblock am Friedrich Ebert-Platz Quartier bezogen. „Raumbezeichnung“ ist eine durchaus körperliche Aktion, inspiriert durch die Strukturen der Drei-Zimmer-Wohnung, begleitet durch Musik, geprägt vom Schwung der Hände, die bis zu einem Dutzend Bleistifte führen. Wir durften den Künstler beobachten, am Entstehungsprozess teilnehmen, uns von der Atmosphäre beeindrucken lassen. Überall liegen die benutzten Stifte, im Bad türmen sich die Reste des Bleistiftspitzens und an den Wänden, am Boden und an der Decke begegnen uns Zeichen: Sind es die Spinnweben, ist es der Schimmel, sind es geheime Spuren? Das hat mir gefallen. Und die Baugenossenschaft Ried wird sich überlegen müssen, ob sie wirklich diesen Kunstraum abreißen will. Scherz beiseite – Wolf Spemann hat ja an dieser Stelle bereits auch über die Vergänglichkeit von Kunst gesprochen.

Kommen wir zum Preisträger, oder besser zur Preisträgerin. Der Kunstpreis der Bischofsheimer „Gangart“ geht an: Nezaket Ekici. Herzlichen Glückwunsch!

Nezaket Ekici zeigte uns ein Video, in dem Bewohner von Bischofsheim ihren Namen erklären und ließ uns Anteil nehmen an dem Wechselspiel von Vertrautheit und Fremdheit. Wir erfahren, dass Bischofsheimer nicht nur aus Bischofsheim kommen, sondern auch aus Norddeutschland, als Hugenotten aus Frankreich, aus Bosnien, Serbien oder der Türkei. Das sieht zunächst einfach aus, was uns da präsentiert wird. Aber in der Folge der Clips wird uns klar, über Identitäten nachdenken zu müssen, über Orte und ihre Beziehungen zu den Menschen, über Kommunikation. Denn was wissen wir von einander? Manchmal noch nicht einmal den Namen des anderen.

Nezaket Ekici zeigt uns auch das Gebäude einer christlichen Kapelle, eingehüllt mit schwarzem Stoff, in dem arabische Suren aus dem Koran ausgestanzt sind. Das hat viele beeindruckt. Diese Konfrontation, diese Symbolhaftigkeit, dieser Mut zur Melange. „Haben nicht alle Religionen einen gemeinsamen Kern?“, fragt die Künstlern. In der Türkei geboren, wuchs Ekici ab ihrem dritten Lebensjahr in Deutschland auf und weiß bis heute nicht, ob ihre Erziehung eine deutsche oder türkische war. Auf die Frage, in wiefern die Türkei und die türkische Kultur sie geprägt haben, antwortet Ekici in einem Katalog anlässlich der Verleihung des Berliner GASAG-Kunstpreises 2004: „Die Tatsache, dass ich sowohl eine türkische als auch eine deutsche Erziehung genossen habe, beeinflusst meine künstlerische Arbeit stärker. In meinen Arbeiten zeigen sich viele widersprechende Aspekte des orientalischen und europäischen Kulturkreises, die aber nicht auf eine strikte Trennung, sondern auf eine gemeinsame Weltsicht hinarbeiten. Damit bieten meine Arbeiten einen (orientalischen) Blick von außen auf das westliche Kulturverständnis. Ohne dabei den westlichen Kulturkreis verlassen zu haben.“ Das Kunstwerk „Islamic Chapel“ macht etwas mit dem Motto der „Gangart“: Weitergehen, angehen, zusammengehen. Es macht den Lokschuppen zu einem Kunstraum. Es macht die unterschiedlichen Kulturen, die am Alten Gerauer Weg wohnen, zum Thema – ohne zu thematisieren. Durch das Licht werden Projektion klar und verschwommen zugleich, durch die Begehbarkeit wird das Kunstwerk begreifbar.

„Gangart“ schult die Sinne
Wie es auch immer mit der Philosophie begonnen haben mag, denkbar wäre, dass diejenige Person, die als erste Philosophin oder erster Philosoph gelten könnte, den Fuß an einen Stein stieß und dass dieser Unfall zu folgenden Fragen motivierte: Warum liegt der Stein hier herum oder warum ist überhaupt Etwas und nicht vielmehr Nichts? Warum ist der Stein so hart und was ist das Wesen dieses Steins? Warum bin ich davor gelaufen bzw. wie sollte ich eigentlich handeln? Stimmt was mit meinen Augen nicht, oder was ist Hinsehen überhaupt?

Wir wissen nicht, wie diese Frage damals philosophisch beantwortet wurde, doch sicher ist auch, dass nicht jeder, der hinsieht, auch etwas sieht. Denn sehen ist wahrscheinlich auch immer Übersehen, Versehen und Absehen. Hinsehen, so könnte man unterstellen, ist als solches der Versuch, so wahrzunehmen, dass der transparente Sehraum das intransparente Geschehene deutlich werden lässt. Was natürlich die Frage aufwirft, wie man sehen muss, um sehen zu können. In Zeiten der Zeichen, die massenhaft auf uns einstürzen, macht es Sinn, das Sehen zu schulen. Und die beste Methode scheint noch immer die zu sein, Interesse für das zu Sehende zu wecken.

Die Kunst bietet die Möglichkeit, das Sehen einzubinden in einen Kommunikationsprozess, der die Zeichen der Zeit kodiert und dekodiert. Voraussetzung ist allerdings, dass die Kunst interessant genug ist, vielleicht sogar neugierig macht, vor allem aber etwas Bedeutsames zu bieten hat. Es braucht ein Motiv, um Aufmerksamkeit zu erzeugen, die nicht oberflächlich bleibt, sondern den Betrachter bewegt, an- und umtreibt. An- und umgetrieben hat uns die „Gangart“. Die „Gangart 2006“ geht zu Ende. Es lebe die „Gangart 2008“.

 

Der Text basiert auf einen Vortrag, der anlässlich der Abschlussveranstaltung mit Preisverleihung von „Gangart“ am 24.9.2006 in der Theodor Heuss-Schule in Bischofsheim gehalten wurde. Prof. Dr. Wolfgang Schneider lehrt Kulturpolitik, ist Dekan des Fachbereichs „Kulturwissenschaften und Ästhetische Kommunikation“ der Universität Hildesheim, Sachverständiges Mitglied der Enquête-Kommission „Kultur in Deutschland“ des Deutschen Bundestages und engagiert sich ehrenamtlich in der Kommunalpolitik, u.a. seit 1999 als Erster Beigeordneter der Gemeinde Bischofsheim.
 

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